K O M M E N T A R E
Commenting on the Work

 

 

ES IST ANGERICHTET

Zu einigen Fotoarbeiten von Irina Dar
Von Gisela Steinlechner

Ein Strauß bunter Blumen, deren Verfallsprozess unaufhaltsam
voranschreitet, pralle Früchte, die bald verdaut oder verrottet sein werden,
erlegtes Federwild, das schlaff von einem Haken hängt - das alles kennen
Bei letzterem liegt die Betonung oft auf einem inszenierten Moment der Stille,
einer in den Gegenständen aufgehobenen und sichtbar gemachten Zeit, im
Gegensatz etwa zur Ästhetik des Schnappschusses oder eines
dokumentarischen Blicks auf die Dinge (Foto 1).
In Irina Dars fotografischen Arbeiten verbinden sich die Merkmale des

Dabei werden verschiedene Genres vermischt oder nur mehr zitathaft
aufgerufen.
Eine braun getigerte Katze - auf den ersten Blick scheint sie zu schlafen -
liegt halb zugedeckt auf einem weißen Polsterüberzug, der mit
Pflanzenmotiven in rotem Garn bestickt ist. Ein Bild des Friedens und der
Stille, das erst durch die langsam einsickernde Wahrnehmung der braunen
aufgegrabenen Erdschollen im Hintergrund eine Umdeutung erfährt. Erst
jetzt vermögen wir zu sehen, dass wir in ein offenes Grab blicken und dass
die Augen des Kätzchens nicht zum Schlaf, sondern für immer geschlossen
sind, schwarze, undurchdringliche Striche im Fell, das bald stumpf werden
wird. Und jetzt erst bekommt die Rose, die fast neckisch aus dem zierlichen
Stoffbett hervorragt, eine lesbare Bedeutung als Abschiedsgabe.

Ein in der Stilleben-Malerei häufig vorkommendes Motiv sind die
aufgetischten Speisen, die Teller mit Spezereien, Früchten und
Fleischwaren. Mehr oder weniger deutlich wird die Verderblichkeit und
Vergänglichkeit dieser Lebensmittel ins Bild gesetzt, wird der Gegensatz
zwischen dem Augenschein des prallen Lebens und der Realität des Verfalls
inszeniert: die Haut des toten Fisches glänzt, als würde er noch im
Wasser herunstreifen, die Weintrauben platzen fast vor Saftigkeit;
daneben aufgebrochene Nüsse, ein halbgeleertes Glas.
Solche Doppeldeutigkeiten und fließenden Übergänge zwischen
Lebendigkeit und Verfall thematisiert Irina Dar in einer Farbfotografie:
angerichtet auf einem leuchtendroten Teller scheint hier ein köstliches
frugales Gericht. Ein Streifen warmen Sonnenlichts fällt auf die
verführerische Speise und beleuchtet zugleich ein paar nackter
verschwommener Füße, die das ganze Arrangement unverzüglich ins
Wanken bringen. Vom Tisch landen wir unversehens auf dem Boden. Die
Füße mit den rot lackierten Zehennägeln sind so etwas wie die ins Bild
gesetzte Signatur der Fotografin. Deren von oben (aus der Vogelperspektive) auf einen Abfallkübel gerichteter Blick findet in der
zufälligen Anordnung weggeworfener Essensreste das Bild einer prächtigen
Speise wieder. So erhält das Motiv des Lebenskreislaufs,
des unablässigen Stoffwechsels alles Natürlichen, in diesem
fotografischen Stilleben eine leichtfüßige Leseart. Die Einsicht blickt einen
buchstäblich aus dem Abfallkübel an und wird an einem sonnigen Tag
im Vorübergehen festgehalten (Foto 2).

Auch auf einer anderen, zu einer dreiteiligen Serie gehörenden Fotografie
finden sich Teller und Füße auf gemeinsamem Boden
wieder. Die Teller sind hier nicht mit Speisen oder Abfällen angerichtet,
sondern mit den Farben eines Malers. Dessen Beine ragen über den
verstreut auf einer Matte herumliegenden Malutensilien auf wie zwei Säulen.
Allerdings keine feierlichen, repräsentativen Säulen, sondern solche in
einem Arbeitshabit, angetan mit einer farbfleckigen Hose und die
nackten Füße in Holzpantinen steckend. Im Hintergrund ist unscharf das
tiefgrüne Laub eines Rankgewächses zu sehen; also muss es sich wohl
um eine Malstunde im Freien handeln, die die Fotografin hier in einem
Tryptichon festgehalten hat.
Dessen unterster Teil, der Sockel sozusagen, verweist mit seiner
tischähnlichen Szenerie und den herumliegenden Malwerkzeugen in
zweifacher Weise auf das Genre des Stillebens. Was hier allerdings unter
freiem Himmel gemalt wird, das lässt auch die komplette Serie
der drei Fotos nicht erkennen. Diese zeigen vielmehr, in
fragmentarischen Ausschnitten, das Porträt eines jungen Mannes als
Künstler: den „Unterbau“ bilden die Füße und Malrequisiten,
(Foto 3) es folgt
ein Mittelteil (Foto 4) mit der Ansicht der Hüften und schließlich ein
Kopfstück, (Foto5) das das Gesicht des Mannes im Profil darstellt –
sichtbar ist dieses nur als ein ganz schmaler Streifen, der Rest bleibt
verborgen hinter einem Vorhang feiner, schulterlang herabfallender
Haare. Mit den gesenkten Augenlidern und einer im Mund geparkten
Zigarillo strahlt dieses Profil große Konzentration und Ruhe
aus. Und trotz der intimen Nahsicht wirkt der junge Mann nicht im
Mindesten gestört in seinem Tun, er ist ganz bei sich und seiner Arbeit,
umfangen von der üppiggrünen Vegetation, die im Hintergrund
aufleuchtet. Das viel beschworene Gegensatzpaar Kunst (bzw. Künstler) und
Natur lässt sich hier ganz gelassen über die Schulter schauen.

Das Kopfstück dieses dreiteiligen Künstlerporträts würde auch in eine andere
Serie von Fotoarbeiten passen, die Irina Dar als „rauchende
Köpfe“ bezeichnet hat. In der Filmgeschichte des 20.
Jahrhunderts ist dieser Typus überproportional häufig vertreten, ganze Filme
wurden von der Dramaturgie, Mimik und Gestensprache des Rauchens
angeleitet und strukturiert. Auch im Medium der Porträt-Fotografie
gehört die Raucherpose zum klassischen Repertoire. Sei es, um einen
künstlerischen, intellektuellen oder betont lässigen Habitus der Porträtierten
hervorzustreichen, oder auch als Signum eines Authentizität
versprechenden Blicks, indem die Dargestellten bei einer alltäglichen,
intimen Handlung gezeigt werden – in einer Pose, die sie nicht extra für die
Kamera, sondern gewissermaßen gewohnheitsmäßig und
ganz „privat“ einnehmen.

Der rauchende junge Mann auf dem Foto trägt eine Soldatenkappe des
österreichischen Militärs, sonst ist er nur mit einer Badehose und Schlapfen
bekleidet. Ganz in sich versunken scheint er weder für die Außenwelt
noch für die Fotografin einen Blick übrig zu haben (Foto 6).
Dabei wirft seine Erscheinung einige Fragen auf, Fragen, die an dem
versonnenen Raucher offensichtlich abprallen – und eben das
macht die reizvolle Dramaturgie dieses Fotos aus Warum sitzt er
hier, mitten in einer Schotterlandschaft, auf einem blauen Plastikklo,
mit angezogenen Hosen? Was ist das für ein seltsamer Thron, auf den
er sich schmollend oder sinnierend zurückgezogen hat? Neben all
dem Kuriosen, fast Karikaturistischen, das dem Foto anhaftet,
überzeugt es auch als ein atmosphärisches Dokument einer spezifisch
ländlichen, sonntäglich gelangweilten Stimmung. Es gibt nichts zu tun hier
als zu sitzen und den Tag unter einem unverschämt blauen Himmel
vorübergehen zu lassen.

Derselbe junge Mann begegnet uns wieder auf einer S/W-Fotografie (Foto 7). Er ist
der größere von zwei im Profil aufgenommenen Männern, deren
Haarschnitte und Kleidung auf die 70er-Jahre verweisen. Beide haben
eine Zigarette im Mund, scheinen konzentriert auf etwas zu blicken
oder zuzugehen. Auch sie sind ganz bei sich, nah hintereinander stehend
wirken sie wie ein Paar, das vielleicht nur durch diesen Moment der
Anspannung oder Erwartung miteinander verbunden ist. Im
Hintergrund zerfließt eine baumbestandene Landschaft im Unscharfen – von
ihr ist keine Auskunft zu erwarten darüber, was in diesem Moment vor
sich geht.
Das Spektakuläre ist kein Thema in Irina Dars Fotografien. Diese
thematisieren vielmehr Beiläufiges und zufällig Gesehenes, legen es
manchmal wie unter ein Vergrößerungsglas, mit leicht verschobenen
Perspektiven und abrupt gesetzten Ausschnitten. Wohl nicht zufällig hat sich
die Künstlerin eine Zeit lang intensiv mit der Lomo-Fotografie
beschäftigt, deren Ästhetik des schnellen, absichtslosen Bildermachens ihrer
Arbeitsweise in gewisser Hinsicht entgegenkommt.
Im Rahmen des fotografischen Mediums zum Sprechen gebracht, offenbart
das zufällig Vorgefundene und im Vorübergehen Aufgeschnappte oft
eine erstaunliche Beredtheit: Die runden schwarzen Augen, die uns
vom nackten Hinterkopf eines Passanten aus anblicken, können wir
wohl umgehend als Sonnenbrille identifizieren und dennoch bleibt das
vage Gefühl, als hätte man kurz ein Gesicht gesehen, das da auf
einem dunklen, massigen Körper aus einer anonymen Menge
herausragt (Foto 8). Solcherart blicken die Bilder zurück auf den Betrachter und
verdrehen auch ihm manchmal den Kopf.

 


 

 

DINNER IS SERVED - on Irina Dar's photo art

By Gisela Steinlechner

  A bouquet of multi-coloured flowers whose decay progresses inexorably, plump fruits that will soon be digested or decomposed, shot wildfowl hanging limply from a hook – this is how we know the classic repertory of still life painting and (with modified ingredients) of still life photography. The latter frequently emphasises a staged moment of silence, of time preserved and visualised in the depicted objects, as opposed to the aesthetics of a snapshot or a documentary view of things (Photo 1).
Irina Dar’s photo art frequently combines the distinguishing marks of still life and documentary images, resulting in a form of contemplation capable of discovering qualities of a nature morte or poetic order even in the contingencies of everyday life and autobiographical motifs. Different genres are mixed or called up as mere quotations (Photo 2).
A brown tabby cat – seemingly asleep – lies half-covered on a white pillowcase embroidered with floral designs in red thread. A picture of peace and stillness, with a different perception seeping in slowly once you begin to discern the brown dug-up clods in the back. It is only now that we recognise that we are looking into an open grave and the kitten’s eyes are not closed for sleep but forever – black impenetrable streaks in the fur that will soon lose its gloss. And now the rose peeping out almost playfully from the dainty bed of cloth is acquiring a legible meaning as a farewell gift. What we are seeing here is more and different from the iconographically and symbolically loaded motif of a dead pet; rather, it is an image of remembrance whose careful aesthetic orchestration is embedded and preserved in a personal ritual of leavetaking.

  A motif frequently found in still lifes is dished-up foods, plates heaped with various fancy foods, fruits and meats. Deterioration and perishability of these foods are illustrated more or less clearly, staging the contrast between the apparent fullness of life and the reality of decay: the skin of the dead fish glistens as if it were still roaming the waters; the grapes, seemingly bursting with juice, are placed next to cracked nuts, a half-emptied glass.
Such ambiguities and flowing transitions between vitality and decay are the central theme chosen by Irina Dar for a colour photo of what seems to be a deliciously opulent meal on a brightly red plate. A streak of warm sunlight falls on the tempting dish but also illuminates a blurred pair of bare feet that immediately unbalance the entire composition. Unawares, our glance is enticed away from the table, ending up on the floor. In a way, the feet with the red varnished toenails serve as the photographer’s signature. Her glance, directed from above (a bird’s eye view) to a waste bin, reassembles the image of a sumptuous dish from an accidental arrangement of discarded leftovers. This photographic still life gives a light-footed reading to the motif of the cycle of life, the incessant metabolism of all natural things. This insight literally looks at us from the waste bin and is captured in passing on a sunny day (Photo 3).

  Another photo belonging to a different tripartite series shows plate and feet on the floor together. Here, the plates are not filled with food or leftovers but with an artist’s paints. The painter’s legs loom like two pillars over the painting utensils scattered on a mat. However, rather than being solemn and representative, these pillars are clothed in a working garb of paint-splotched dungarees, with bare feet in wooden clogs. The background shows the blurred deep-green foliage of a twining plant, suggesting an outdoor painting session captured by the photographer in a triptych.
The latter’s bottom part – the plinth as it were – doubly refers to the genre of still life with its table-like setting and the painting utensils lying about. But even the complete series of the three photos does not reveal what precisely is being painted in the open air. Rather, they show fragments of the portrait of a young man as an artist: feet and painting utensils as the "base" (Foto 4), followed by the central part with the hips (Photo 5), and finally a head part showing the man s face in profile (Photo 6) – visible as a very narrow strip, with the rest hidden behind a curtain of fine shoulder-length hair. With lowered eyelids and cigarillo inserted between the lips, this profile exudes intense concentration and calm. In spite of the intimate close-up, the young man definitely does not seem at all bothered; he is fully intent upon his work, surrounded by the lush greenery lighting up in the background. It is with absolute placidity that the frequently evoked antipodes of art (or artist) and nature let others peer over their shoulders.

  The head piece of this tripartite artist’s portrait would also fit into another series of photo work referred to by Irina Dar as “smoking heads”. This type is over-represented in the film history of the 20th century; entire films were guided and structured by the dramaturgy, mimic and gestures of smoking. The smoker’s pose is also part of the classic repertory of portrait photography. It is used for highlighting an artistic, intellectual or emphatically casual habitus of the portrayed persons, or as signum of a glance that promises authenticity achieved by showing them at an intimate everyday activity – in a pose not struck specially for the camera (Photo 7) , but quasi habitually and quite “privately”.

  The smoking young man in the photograph wears an Austrian soldier's cap, swimming trunks and slippers (Photo 8). Lost in thought, it seems he has no eye for his surroundings or for the photographer. And yet his appearance raises quite a few questions – questions that evidently do not affect the musing smoker – and this is exactly what is so fascinating about the dramaturgy of the photo. Why is he sitting here, in the middle of a landscape of crushed rock, on a blue plastic toilet, with his pants on? What is this weird throne to which he has withdrawn to sulk or muse? Along with all its quaint – almost burlesque – features, the photo also convinces as an atmospheric document of a specifically rural, tedious Sunday-type sentiment. There is nothing to do but sit and let the day pass under an outrageously azure sky.

  We come across the young man once more, in a black-and-white picture. Here, he is the taller of two men taken in profile whose haircuts and clothes suggest the 1970s. Both with cigarettes between their lips, they seem to look at or walk towards something with intense concentration. They, too, are completely lost in themselves; closely together, they give the impression of a couple joined perhaps merely by this moment of tension or expectation. Behind them, a tree-lined landscape dissolves in a blurred background – it cannot be expected to tell us what is happening at the moment.

  Spectacular statements have no place in Irina Dar’s photographs. Rather, they focus on casually and randomly beheld things, sometimes placing them under a magnifying glass, with slightly shifted perspectives and abruptly positioned details. Arguably, it is no coincidence that the artist has concerned herself intensively with lomography for quite some time; to some extent, its aesthetics of quick and unintended snapshot photography suits her approach to work.
Made to talk within the photographic medium, the motifs accidentally found and snapped up in passing frequently reveal amazing eloquence: the round black eyes looking at us from the bare back of a passer’s-by head may be promptly identified as sunglasses – and yet there is the vague feeling as if, for an instant, we had made out a face protruding on a dark and massive body from an anonymous crowd. The images look back at the viewers and, at times, even turn their heads.